Irr(e)wege - Eine Radreise durch Schottland

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    • Irr(e)wege - Eine Radreise durch Schottland

      So, seit gestern Abend bin ich zurück von meinem kleinen Ausflug...und in den kommenden Tagen werde ich (wie es meine Zeit zulässt) euch an meinen Erlebnissen teilhaben lassen. Ich werde auch auf DramGebiet.de einen Bericht verfassen, der wird aber deutlich kürzer ausfallen, als hier im Forum. Der Bericht hier wird auch persönliche Aspekte einbeziehen, die ich zwar gerne mit euch teile, aber vielleicht nicht unbedingt mit der ganzen Whiskywelt.
      Aber fangen wir doch einfach mal an..... :)

      Vorbereitungen

      Nachdem ich im September 2016 die Idee hatte mit dem Fahrrad nach und durch Schottland zu reisen, war einiges an Planung und Überlegungen nötig. Die aller erste Überlegung war, ob ich alleine reisen sollte, oder lieber in Gesellschaft. Eigentlich bin ich ein Mensch, der auch sehr gut Zeit alleine verbringen kann, aber bei mindestens 14 Tagen Reisedauer, war mir irgendwie nach Gesellschaft.
      Nachfragen in meinem Freundeskreis an "Whiskynerds" ergaben - geile Idee, aber grundlegend zu anstrengend. Hmmm, vielleicht doch besser alleine reisen ? Ach komm, über den Sport kenne ich genug Leute die dafür zu begeistern wären, und mir war auch so, dass der ein oder andere Whiskytrinkter unter meinen Sportkollegen weilt.
      Einen Tag später waren wir dann schon zu dritt, und es gab noch einige weitere Interessenten. Nach einigen Tagen hin und her, habe ich den weiteren Interessenten abgesagt, denn ich befand ein Triumpherat für angemessen und gut planbar. Sicherlich hätte man auch mit 5, 8 oder 10 Personen reisen können...dabei hätten sich die möglichen Unstimmigkeiten und Probleme aber potenziert.
      Mit mir sollten nun Christoph (genannt Scheppy, 29 Jahre alt) und Benedikt-Roul (genannt Bene, 49 Jahre alt) reisen. Mit meinen 40 Jahren in der Mitte, sicherlich eine interessante Kombination. Konditionell machte ich mir keinerlei Sorgen, da Bene ein Fahrradnerd ist, der mehrmals die Woche auf seinem Bock radelt, und Scheppy ein echt durchtrainierter Feuerwehrmann ist. Der Typ kommt bei einer Waage mit Körperfettmessung auf 8-9 % Körperfettanteil....das ist schon ziemlich krass.
      Wirklich interessant für mich war die Tatsache, dass ich beide zwar seit ca 3 Jahren kenne, aber eben nur vom Sport. Also vielleicht 2x pro Woche für 60 Minuten gesehen/gesprochen.Ob eine Reise bei der man so nah aufeinander hockt, und aufeinander angewiesen ist, der richtige Anlass für ein solches Sozialexperiment ist ? Why not ? ;)

      Den Rest von 2016 verbrachte ich mit der Streckenplanung, was sich als gar nicht so einfach herausstellte. Angedacht war eine Route nach Amsterdam, Fähre nach Newcastle, eine Route nach Islay...und wieder zurück. Schnell war klar, dass ALLES nicht mit dem Fahrrad machbar wäre, oder wir 3 bis 4 Wochen einplanen müssten.
      Ok, konzentriere ich mich auf das wichtigste - nach Islay. Was könnten an Kilometern pro Tag realistisch sein ? Ich denke so etwa 70 bis 85 km. Da wir uns gegen die Option "zelten" entschieden hatten (im schlimmsten Fall 14 Tage bei Dauerregen mit nassen Klamotten in klammen Zelten, sollte es dann doch nicht sein), war die Herausforderung nun eine Route von Newcastle nach Islay zu finden, auf der es im Abstand von 70 bis 80 km Ortschaften mit B&Bs gab, die ich im Vorfeld buchen konnte.
      So endeten die ersten Planungsversuche alle nach 3 oder 4 Tagen irgendwo im Nirgendwo (meistens Nationalparks) ohne Unterkunftmöglichkeiten. Verlängere ich die Tagesetappe einfach, hätten wir plötzlich einen Tag mit 120 km gehabt (way too much) oder 2 Tage mit nur 30-40 km (zu wenig). Im Februar 2017 stand die Route dann aber fest, und ich begann für September 2017, Fährfahrten und B&Bs zu buchen. Etwas überrascht musste ich feststellen, dass ich mit 6-7 Monaten Vorlaufzeit schon "zu spät" dran war für einige Unterkünfte auf Islay. Hätte ich so nicht erwartet, aber die ausgebuchten B&Bs waren sehr hilfsbereit, bei der Suche nach Alternativen.

      Insgesamt gab es bei der Planung 2....sagen wir mal..."Nadelöhre".
      Das eine war, dass wir zeitbedingt einen Teil des Rückwegs mit dem Zug absolvieren wollten. Bei Zügen die längere Strecken fahren, kann man generell pro Zug maximal 3 Fahrräder mitnehmen. Das ist kostenlos, erfordert aber eine "Bikespace" Reservierung. Bei 3 Reisenden, war es jetzt natürlich relativ wichtig zeitig den Zug zu buchen, und sich die 3 Fahrradplätze zu sichern. Ab auf die Virgintrain Website, und siehe da - Tickets maximal 60 Tage im voraus buchbar. Blöd wenn man ALLES fix hat, und noch Monate warten / hoffen muss passende Tickets mit Fahrradplatz zu bekommen.
      Wer schon einmal von Kennacraig mit der Fähre nach Islay übergesetzt hat, hat es vielleicht bemerkt....es gibt dort keinen Bahnhof ;)
      Es halten zwar Busse in Kennacraig, diese nehmen aber keine Fahrräder mit. Eine Tatsache, die mich echt etwas in Schwulitäten gebracht hat. Die Lösung kam von einem schottischen Fahrradblogger, den ich kontaktiert habe.Nimm doch einfach die Fähre von Islay nach Oban, denn da ist direkt am Hafen auch der Bahnhof. Geiler Tipp ! Das war die Lösung.
      Das zweite Nadelöhr waren die Fährverbindungen. Eine Etappe sah vor, von Adrossan die Fähre nach Arran zu nehmen, nach Lochranza auf Arran zu radeln, die Fähre nach Claonaig zu nehmen, die nicht ganz 6 Meilen nach Kennacraif zu radeln und dort dann um ca 15 Uhr einzutreffen. Noch 3 Stunden Zeit, bis die Fähre nach Port Ellen ablegen würde - das ergibt etwas Spielraum für unvorhergesehene Überraschungen.
      Na ja, erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.....wie ihr später noch lesen werdet. :)

      Ende Juli konnte ich die letzte fehlende Buchung - die Zugtickets von Oban nach Edinburgh - tätigen, und der Reiseplan war fix.Na gut, nicht ganz fiy, da unser Feuerwehrmann Scheppy eine Dienstplanänderung bekommen hatte, und es nicht klar war ob er auch die ersten beiden Tage unserer Reise (Donnerstag und Freitag) wirklich frei bekommen würde.


      Anfang September sah der Plan dann so aus :

      Donnerstag / Freitag
      Start bei meinem Vater, der nahe der holländischen Grenze wohnt, und von dort in 2 Tagen nach Amsterdam zum DFDS Fähranleger
      Insgesamt 170 km

      Samstag
      Fährfahrt Amsterdam Newcastle

      Sonntag
      Ankunft Newcastle
      85 km Radtour nach Stannesburn im Kiedler Nationalpark

      Montag
      82 km Radtour von Stannesburn nach Powfoot

      Dienstag
      75 km Radtour von Powfoot nach Gatehouse of Fleet

      Mittwoch
      85 km Radtour von Gatehouse of Fleet nach Maybole

      Donnerstag
      60 km Radtour von Maybole nach Adrossan

      Freitag
      Fähre Adrossan - Arran
      20 km Radtour über Arran
      Fähre Arran - Claonaig
      9 km Radtour nach Kennacraig
      Fähre Kennacraig - Port Ellen
      7 km Radtour zum B&B

      Samstag bis Dienstag
      Radtouren über Islay (grob 20-30 km täglich)

      Mittwoch
      Fährfahrt von Port Askaig nach Oban
      Zugfahrt von Oban nach Edinburgh

      Donnerstag
      Sighstseeing Edinburgh

      Freitag
      Zugfahrt Edinburgh nach Newcastle
      15 km Radtour zum DFDS Fähranleger

      Samstag
      Ankunft in Amsterdam
      Dort von jemandem mit geeignetem Transportmittel abholen lassen


      Tja, so SAH der Plan aus...... :rolleyes: (to be continued)
      Alba gu bràth
    • Das hört sich doch richtig gut an.
      Zugegeben zwei Räder sind für meine alten müden Knochen nichts mehr.
      Aber ich kenn Leute die schwärmen davon.
      Also lass hören.
      „Es gibt drei Arten Menschen: die Lebenden, die Toten und jene, die über das Meer fahren.“


      Platon
      427-347 v. Chr.
    • Spannender Bericht. Ich hätte mir die km im Sattel nicht zugetraut. Bin gespannt was noch kommt :D
      „Wenn ich nur darf, wenn ich soll, aber nie kann wenn ich will, dann mag ich auch nicht, wenn ich muss. Wenn ich aber darf, wenn ich will, dann mag ich auch, wenn ich soll, und dann kann ich auch, wenn ich muss. Denn schließlich: Die können sollen, müssen auch wollen dürfen.“ (unbekannt)
    • Wie schon erwähnt “sah“ der Plan wie oben beschrieben aus....

      Scheppy wurde eine Woche vor Reisebeginn sein Dienstfrei für Donnerstag und Freitag gestrichen, so das er erst ab Freitag Mittag Urlaub hatte.
      Kurz habe ich überlegt nur mit Bene am Donnerstag zu starten, und Scheppy mit dem Zug nach Amsterdam nachkommen zu lassen....aber hey, we stand together, we fall together.
      Also änderten wir den Plan. Am Freitag Mittag ließen wir uns bis kurz vor Amsterdam bringen, luden unsere Räder aus, und fuhren noch etwa 40 km bis zu einem Hotel im Norden von Amsterdam...aber ich greife vorweg ;)

      Zunächst meldete sich nämlich 3 Tage vor Abreise die nette Dame vom Laphroaig View B&B auf Islay. Ich hatte bei ihr schon im März „Anreise Freitag, Abreise Montag“ angefragt und gebucht, und wie ihr jetzt auffiel, hat sie den Freitag versehentlich doppelt belegt. Es ging wohl um Hochzeitsgäste, die die kompletten 4 Zimmer ihres B&B bis einschließlich Freitag reserviert hatten, und es tat ihr auch furchtbar leid....
      Machen wir es kurz - Es war kurz vor Start, und wir hatten für den Freitag in 11 Tagen keine Unterkunft auf Islay.
      Meine Versuche telefonisch kurzfristig noch eine entsprechende Bleibe auf Islay zu finden, waren sehr ernüchternd - überall ausgebucht.
      Also was tun ? Beim lesen des Reiseplans kam mir dann eine Idee. Wir übernachten am Freitag einfach auf Arran, und setzen erst Samstag die Reise nach Islay fort. Eine Unterkunft war recht schnell gefunden, und für mich ergab sich plötzlich die Gelegenheit bei der Arran Distillery vorbeizuschauen. Auch nicht übel.....dachte ich :)

      Springen wir zurück nach Amsterdam....
      Der Start der Reise verlief also eher unspektakulär. Einchecken beim Hotel, Gegend etwas erkunden, Fish & Chips & Beer als Abendessen....es ging uns gut, und die Stimmung war fast schon euphorisch, weil es jetzt endlich losging.
      Am nächsten Morgen dann ein 0815 Hotel Frühstück, und da wir dann beim Verlassen des Hotels bereits 11:30 hatten, und wir auch noch ca 45 Minuten bis zum Fähranleger radeln mussten, entschieden wir uns direkt in Richtung Fähre zu radeln.

      Poleposition Baby :)
      Wir waren so ziemlich die ersten, die auf die Fähre durften, und unsere Räder wurden mit ‚nem Gummiband an einem Geländer festgetüddelt. Professionell sah das nicht aus, but who cares ?
      Tja, die Fähre von DFDS....
      Stabil ist die Wuchtbrumme allemal, und um diesen Punkt auch deutlich hervorzuheben, hat man vielerorts auf Deko, Bodenbeläge etc. zugunsten von Stahl verzichtet. Kommse ausm Pott, kommse damit klar.
      Dafür waren die Restaurants, Bar und öffentliche Bereiche im Schiff ganz nett und ansprechend. Personal war ebenfalls sehr freundlich und hilfsbereit - passt.

      Bringen wir aber erstmal die Taschen in die Kabine.
      Im Vorfeld wurde uns von mehreren Personen geraten, den Aufpreis für die Commodore Suite zu zahlen - haben wir gemacht.
      Ich sag mal so....ich weiß zwar nicht wer dieser Commodore Typ war, es muss sich aber um einen sehr kleinen und sehr bescheidenen Mensch gehandelt haben ;)
      Dafür scheint dieser Commodore aber einen Faible für teure Speisen und Getränke gehabt zu haben - 15,50 € für ‘ne Pizza Margarita an Bord ist mal ‘ne Ansage.
      Fairer Weise muss ich aber hinzufügen, dass die Pizzen ‚ne amtliche Größe hatten und auch qualitativ überzeugten.

      Es war inzwischen relativ windig geworden, und ich fragte mich, ob die Kombination aus Essen, Bier und Schiffsschaukel mir wohl bekommen würde....war aber kein Problem. Nach ein paar weiteren Bier ging es gegen 0 Uhr in die Federn, denn man wollte ja am kommenden Tag über 80 km zurückliegen.
      Mein Schlaf endete gegen 5 Uhr, als das Schiff in ein kleines Unwetter geriet. Augen auf.....
      Was stimmt hier nicht ?
      Kurz konzentriert....
      Oh, das Bett bewegt sich immer 1-2 m diagonal nach rechts oben, sackt dann ab, und bewegt sich dann nach links. Dazu neigt sich der ganze Bumms auch noch nach vorne und hinten.
      Kurz konzentriert....
      Finde ich das gut ?
      Neeeee !
      Bene und ich verbrachten den Rest der Fährfahrt sitzend mit flauem Gefühl im Magen, während Scheppy erst ausschlief, und dann frühstücken ging.
      Gegen 10 Uhr morgens berührten unsere Fahrräder und wir (zur Freude meines Körpers) dann britischen Boden. Jooaaaaa, ganz nett hier. Die Sonne scheint....jetzt kann es endlich so richtig losgehen !


      (to be continued)
      Alba gu bràth
    • Nimrod77 schrieb:

      Im Vorfeld wurde uns von mehreren Personen geraten, den Aufpreis für die Commodore Suite zu zahlen - haben wir gemacht.
      Ich sag mal so....ich weiß zwar nicht wer dieser Commodore Typ war, es muss sich aber um einen sehr kleinen und sehr bescheidenen Mensch gehandelt haben
      Dann wärst Du bei den normalen Zimmern, aber erst richtig erschrocken. :D
      SLÀINTE MHATH :trinken:

      Thomas
    • Liest sich gut. :top:
      „Wenn ich nur darf, wenn ich soll, aber nie kann wenn ich will, dann mag ich auch nicht, wenn ich muss. Wenn ich aber darf, wenn ich will, dann mag ich auch, wenn ich soll, und dann kann ich auch, wenn ich muss. Denn schließlich: Die können sollen, müssen auch wollen dürfen.“ (unbekannt)
    • Wir befinden uns also nun auf dem englischen Teil der Insel. Die Sonne bricht immer wieder durch die weißen Wolken, es ist ziemlich windig, aber im großen und ganzen sind wir heiß wie Frittenfett :)
      Ein kurzer Blick auf die Radkarte (Ja, wir navigieren möglichst oldschool nach Karte) und wir erkennen - erstmal in Richtung Norden, und dann muss irgendwann Radweg Nr 10 ausgeschildert sein. Natürlich finden wir erstmal keinen Radweg Nr 10, und halten an einer Kreuzung, um einen erneuten Blick auf die Karte zu werfen.
      Auf der gegenüberliegenden Seite kommt eine gutaussehende, sportliche Engländerin auf ihrem Mountainbike angeradelt, bremst aufgrund der roten Ampel ab, bremst weiter, weiter ab, weiter ab, kommt zum stehen, und fällt einfach um, weil sie die Füße nicht auf den Boden stellt.
      Ich wusste ja, dass ich eine umwerfende Wirkung auf Frauen habe...aber derartig und dann noch auf eine Entfernung von bestimmt 15 Meter ? Nicht übel :)
      Wir eilen über die Straße, helfen ihr auf, und unser Feuerwehrmann Scheppy nimmt ihren lädierten Arm in Augenschein. Nix gebrochen, nur ein paar Schürfwunden.Scheppy reinigt und verbindet die Wunde.
      Auf unsere Frage, wieso sie umgefallen sei, sagt sie, sie habe interessiert unser mit Gepäck beladenes Fahradgeschwader betrachtet, und unser wildes Gestikulieren auf der im Wind flatternden Karte, und habe dabei einfach vergessen, die Füße auf den Boden zu stellen.
      Netter Flirtversuch Lady, aber wir müssen jetzt weiter. Do you know where the Bikeroute No 10 is ?
      Natürlich weiß sie das, und sie fährt mit uns zurück zu der Stelle, an der wir offensichtlich den Abzweig verpasst haben.
      Geil, noch keine Stunde um, und schon die erste Heldentat vollbracht :)

      Wir radeln jetzt auf der Nr 10 durch Newcastle. Eigentlich eine echt schöne, urbane Strecke. Fast keine Straßen, viele Wege, die tatsächlich reine Fahrrad- / Fußgängerwege sind. Es gibt kaum Höhenmeter, und obwohl wir insgesamt etwas hinter dem Zeitplan sind, kommen wir gut vorran und sind guter Dinge.
      In den Außenbezirken von Newcastle verfahren wir uns dann leider 2x, was aber dieses mal nicht an unserer Unachtsamkeit liegt, sondern viel mehr daran, dass die Beschilderung für den Radweg abgerissen wurde bzw in einem Fall mit einer Spraydose übermalt wurde. Kostet uns natürlich auf wieder Zeit und Kilometer....aber hey, das Wetter ist geil, und die Landschaft wird von Kilometer zu Kilometer weiter, grüner und ländlicher.
      Insgesamt erinnert das jetzt etwas an die Eifel. Sanfte Hügelketten, grüne Wiesen, Felder, ab und an ein Wald, und nach wie vor fahren wir kaum Straße, sondern tatsächlich auf Radwegen abseits der Straßen.
      Gegen 14 Uhr legen unweit der kleinen Ortschaft Stamfordham eine Rast ein. Den Tipp dazu erhielten wir unterwegs von einer Gruppe Radfahrer, die wir nach einem netten Cafe oder ähnlichem fragten. Toller Laden. Irgendwas zwischen Tane Emma Laden und gemütlichem Kaffehaus. Wir füllen unsere Kohlehydratspeicher mit ordentlich Gebäck auf, und trinken etwas Kaffee. Nach wie vor ist uns der Wettergott hold.
      Als wir gegen 15 Uhr aufbrachen, ergibt sich nach nur wenigen Kilometern die Chance ein echt schönes Foto mit uns, vor einem Regenbogen zu machen.
      Schönes Foto - ja, aber irgendwie haben wir dabei wohl verdrängt, dass es für solch ein Foto zweierlei Elemente bedarf. Sonne, und...nun ja....Regen halt.
      Keine 10 Minuten später öffnet der Himmel seine Schleusen, und noch bevor wir die Chance haben anzuhalten und die Regensachen auszupacken, sind wir komplett durchnässt. Kurze Disukssion, mit dem Etnschluss keine Regenklamotten über die nassen Klamotten zu ziehen. Es war (zum Glück) noch warm genug, um den Rest der Streke auf in nassen Sachen zu absolvieren.
      Dieser Rest zog sich dann leider, bedingt durch den anhaltenden Dauerregen und den Wind, etwas hin. Wir kamen deutlich langsamer vorran, und nach fast 80 km im Sattel, wünscht man sich auch einfach mal anzukommen.
      Wir passieren die etwas größere Ortschaft Bellingham - nur noch 8 oder 9 km bis zur ersten Unterkunft und einer heißen Dusche. Mangels guter Beschilderung, sind wir uns nicht sicher an welchem Abzweig wir rechts abbiegen müssen ,und halten kurz an. Wir müsten wohl einen Blick auf die Karte werfen....bei dem Wetter. Besser wir suchen einen halbwegs geschützten Platz.
      Während ich mein Fahrrad unter einem Vordach abstelle, erblickt Bene eine Frau auf der anderen Straßenseite und spricht sie an, in der Hoffnung vielleicht direkt eine schnelle Wegbeschreibung zu erhalten.
      Die Frau überquert die Straße, und wie sich dann herausstellt ist sie a) barfuß unterwegs, b) voll wie´n Eimer für Pavianscheiße, und (erschreckender Weise) c) offensichtlich eben zusammengeschlagen worden.
      Ihr könnt euch unsere Gesichter vorstellen ?
      Wir versuchen also der Frau gut zuzureden, und zuerfahren was ihr zugestoßen ist, aber wir bekommen nur aus ihr raus, dass sie nach Hause gebracht werden möchte und auf keinen Fall die Polizei verständigt werden darf - it´s a family affair. Ja geil, als wenn das eine Entschuldigung oder Rechtfertigung ist. Die Frau versucht auf Benes Fahrrad zu klettern und bittet ihn sie nach Hause zu fahren ,was natürlichg weder geht, noch in Frage kommt.
      Scheppy eilt derweil zu einer kleinen Polizeistation, die wir zum Glück erst vor 50 m passiert hatten. Zum Glück ist jemand vor Ort, und der dann eintreffende Beamte wusste offensichtlich sofort wer die Frau ist, und auch wer ihr man ist. Wir begleiten sie noch bis zum Eingang der Polizeistation, der Beamte bedankt sich bei uns für die Hilfe, und begleitet die Frau in die Plizeistation.
      Ich hoffe der Beamte hat nicht nur eine Anzeige aufgenommen (wenn sie überhaupt ein erstatten wollte), sondern hat vielleicht dem Ehemann persönlich sher deutlich - also so richtig deutlich - zu verstehen gegeben, was man mit so Typen machen sollte.
      Wenn das so weitergeht, kommen wir vor guter Taten, nie mehr zur Unterkunft ;)

      Ok, die letzten Kilometer. Es geht immer wieder bergauf und bergab....und es regnet. Scheppy vleibt kurz stehen, und muss eine seiner Taschen nochmal richtig befestigen. Fahr schonmal weiter, ich hole euch sofort wieder ein, außerdem müssen wir ja so gut wie da sein. Ich biege um die nächste Kurve, und links befindet sich die Einfahrt zum Pheasant Inn. Endlich !
      Das Fahrrad abgestellt und in die Bar zum einchecken. Nachdem die nette Dame an der Bar mir die Schlüssel ausgehändigt hat, und mir gezeigt hat wo wir die Fahrräder abstellen können, kehre ich nach draußen zurück....und dort ist nur Bene, kein Scheppy. Seltsam, die 300 Meter bis zum Pheasant Inn müsste er längst zurückgelegt haben. Ich rufe ihn mal an....kein Netz, war ja klar. Ich laufe also zurück zur Straße und schaue mich in beide Richtungen um - kein Scheppy. Zurück zum Fahrrad und Bene informiert. Ich steige nochmal auf mein Fahrrad, und fahre die Strecke zurück, zu dem Punkt an dem Scheppy angehalten hatte - kein Scheppy. Ein Blick auf das Handy - kein Empfang.
      Ich entschließe mich dem Weg am Pheasant Inn vorbei zu folgen, falls Scheppy die gut beschilderte Einfahrt übersehen haben sollte, und nach einigen hundert Metern sehe ic ihn. Er hatte tatsächlich die Einfahrt übersehen, und ist mal gepflegt 1-2 km weiter gefahren. Wir fahren im Regen zurück zum Pheasant Inn - kein Bene. WTF ist denn heute los ?
      Es stellt sich heraus, dass Bene geduscht und mit einem heißen Tee an der Bar sitzt....und es stellt sich heraus, dass ich das mal gar nicht lustig finde. Zusätzlich hat er im Zimmer alle Heizkörper mit seinen nassen Klamotten okkupiert. Gehts noch ?
      Ich gebe ihm klar zu verstehen, dass, wenn jemand von uns verschwunden ist, niemand duschen, trinken oder irgendwas anderes machen geht, bevor nicht alle wieder da sind, und das bei einem Zimmer mit 3 Personen und 3 Heizkörpern jeder genau einen Heizkörper zum trocken seiner Brocken nutzen wird. Bene entschuldigt sich, Ansage scheint angekommen zu sein.

      Mein Sozialexperiment, mit Leuten die ich nicht 100%ig kenne zu verreisen, bringt mir erste Erkenntnisse. Man merkt Leuten an, wenn sie in der mittleren Führungsebene von Großkonzernen arbeiten. Da scheint ein gewisses "ich"Denken und Ellenbogenmentalität unabdingbar zu sein. Interessant.....

      Zum Abschluss der ersten Etappe, meine Empfehlung als Unterkunft - das Pheasant Inn in Stannesburn / Donkleywood thepheasantinn.com/
      Ein echt authentisches Gebäude aus dem 17 Jahrhundert, mit tollem Essen, einer erfreulich guten Whiskyauswahl, und einem super freundlichem Betreiber. Wer in der Gegend einmal übernachten möchte / muss.....meine uneingeschränkte Empfehlung für diese Unterkunft.

      (to be continued)
      Alba gu bràth
    • Spannend. Es macht Spaß deinen Bericht zu lesen.
      „Wenn ich nur darf, wenn ich soll, aber nie kann wenn ich will, dann mag ich auch nicht, wenn ich muss. Wenn ich aber darf, wenn ich will, dann mag ich auch, wenn ich soll, und dann kann ich auch, wenn ich muss. Denn schließlich: Die können sollen, müssen auch wollen dürfen.“ (unbekannt)
    • Tag 1 hatte also schon so einiges zu bieten. Unter anderem über 100 km auf dem Fahrrad und über 3500 verbrauchte Kalorien. Das erklärt auch die Mengen an Abendessen und Frühstück, die ich in mich hinein gestopft habe ;)

      Apropos Frühstück, mit eben jenem begann Tag 2. Bene ging unwissend davon aus, es würde sich bei Black Pudding um eine Art Süßspeise handeln....surprise, surprise :D
      Nach dem Frühstück bin ich erstmal auf den Sattel, bevor es dann auf den echten Sattel ging....aber ich glaube außer Odin interessiert das hier niemanden ;)

      Es war halbwegs trocken, und wir starteten durch den Kiedler Nationalpark. Landschaftlich echt schön. Ein großer See, viele grüne Nadelwälder und Hügellandschaften. Entsprechend ging es gefühlt immer viel bergauf und sehr wenig bergab, auch wenn das in der Realität vielleicht eher 50 / 50 war.
      Wo der Nationalpark endet, beginnt dann quasi Schottland. Mitten im Nirgendwo steht ein kleines Steinmonument mit bla, bla, bla England, während auf der anderen Straßenseite ein abgefucktes braunes Schild mit weißen Buchstaben “Scotland welcomes you“ verkündet. Eine subtile Herzlichkeit, wie ich sie aus meiner Heimat - dem Ruhrpott - gewohnt bin.
      Es fühlt sich immer ein wenig an wie nach Hause kommen, wenn man die Grenze nach Schottland überschreitet.
      Wir gönnen uns 5 Minuten Pause, bevor es weiter geht. Die Straßen auf denen wir jetzt radeln sind total verlassen. Wenn wir auf diesem Teilstück viele Pkws gesehen haben, dann vielleicht 1-2 pro Stunde. Ein sehr angenehmes Reisen inmitten grüner Hügel, Weiden und Unmengen an Schafen.
      Gegen 13:30 passieren wir den etwas größeren Ort Newcastleton, und legen bei einer Bäckerei auf der Hauptstraße eine Pause ein. Das Wetter ist weiterhin bedeckt aber trocken, und wir genießen Tee, Kaffee und hervorragende Sandwiches.
      Bis jetzt mussten wir auch noch keine Frauen retten....auch mal nett, wenn man als Superheld ‘n Tag frei hat.
      Insgesamt war der Tag an sich auch einfach entspannt. Wir fühlten uns “angekommen“ und dank des bedeckten aber trockenen Wetters auch auf den Fahrrädern wohl.
      Der restliche Teil, den wir bis Powfoot an der südlichen Atlantikküste zurücklegen ist eher unspektakulär. Die Landschaften sind nicht mehr ganz so eindrucksvoll, der Verkehr wird mehr, und die letzten Kilometer um / durch Annan sind nur noch Hauptstraßen mit echt viel Verkehr.
      Na ja, wollen wir mal nicht meckern ;)

      Wir radeln in westlicher Richtung aus Annan raus, und erreichen keine 30 Minuten später unsere Unterkunft in Powfoot.

      Das Powfoot Hotel grenzt an den gleichnamigen Golfplatz, und ist eine echt annehmbare Unterkunft, mit Blick aufs Meer. Klamotten aufs Zimmer, und noch etwas die Gegend erkunden...
      Huch, das ging schnell, denn so richtig was zu erkunden gibt es gar nicht. In der Nähe des Hotels ist ein kleiner Campingplatz, vielleicht noch 10-20 Häuser....das wars.

      Bene berichtet mir von seinen positiven Erfahrungen mit deutschen Rotweinen, und ich äußere die Vermutung, dass deutscher Rotwein wohl etwa so sei wie deutscher Whisky. Weniger weil ich Ahnung von der Materie habe, sondern eher wegen meiner großen Klappe. ;)
      Beim Abendessen im Hotel schlage ich die Speisekarte auf, und das erste was mich anspringt ist die Rubrik “Red Wine - Germany / Pfalz“. Da fällt mir nix zu ein....
      Das Essen an sich war top, der deutsche Rotwein tatsächlich lecker, und wie es sich herausgestellt, ist der Nachbartisch ebenfalls in deutscher Hand.
      Es ergeben sich ein paar echt nette Gespräche, und (warum weiß ich nicht mehr) der Abend endet in einer Querverkostung diverser Gins. Nun ja, es gibt schlimmeres ;)

      Am nächsten Morgen klettere ich aus dem Bett, und mein rechtes Knie schmerzt. Gehen ist ok, aber starkes Beugen eher unangenehm.
      Einfach und unkompliziert kann jeder....

      (to be continued)
      Alba gu bràth
    • Nimrod77 schrieb:


      Nach dem Frühstück bin ich erstmal auf den Sattel, bevor es dann auf den echten Sattel ging....aber ich glaube außer Odin interessiert das hier niemanden ;)
      Das sind Informationen, die man der Welt nicht vorenthalten darf. Farbe, Menge, Oberflächenbeschaffenheit und spezifisches GEwicht ( hier und auf dem Mond) wären noch von weiterem Interesse!
      clansman-malt-connection@gmx.de
      Neu eingetroffen....

      Motörhead 1975 & Speyburn 1897
      Lemmy - never forget!
    • Danke Andi, dat macht Laune zu lesen :thumbsup:


      Wenn Du Odin gegenüber Schweigsamkeit übst....

      Nimrod77 schrieb:

      Kurz konzentriert....
      Oh, das Bett bewegt sich immer 1-2 m diagonal nach rechts oben, sackt dann ab, und bewegt sich dann nach links. Dazu neigt sich der ganze Bumms auch noch nach vorne und hinten.
      Kurz konzentriert....
      Finde ich das gut ?
      Neeeee !
      Bene und ich verbrachten den Rest der Fährfahrt sitzend mit flauem Gefühl im Magen, während Scheppy erst ausschlief, und dann frühstücken ging.
      Hier wurde es zu meiner vollsten Zufriedenheit lustig. Ich kenne solch - fest am Boden haftenden homo sapiens - wie euch zwei zu genüge.
      Scheppy wird schon mal als maritim sympathisch eingestuft :]
      1900
      "Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken." (E.Kästner)
      "Trolle gibt es leider immer noch, auch wenn ich in natura noch keinen sah" (unbekannt)
      FT Theater:
      El Tren´s Theater: Bar & Lounge
    • OdinNord schrieb:

      Nimrod77 schrieb:

      Nach dem Frühstück bin ich erstmal auf den Sattel, bevor es dann auf den echten Sattel ging....aber ich glaube außer Odin interessiert das hier niemanden ;)
      Das sind Informationen, die man der Welt nicht vorenthalten darf. Farbe, Menge, Oberflächenbeschaffenheit und spezifisches GEwicht ( hier und auf dem Mond) wären noch von weiterem Interesse!
      Genau. Schließlich wollen wir wissen, wie Du auf deine 5 Tonnen kommst :rofl: .
      Slainte

      Jörg

      ___________

      Bibo ergo sum

      Ich trinke Alkohol nur an Tagen, die auf -g enden. Und mittwochs.

      Urmenschen hatten nur Biofleisch, viel Bewegung, keine Zigaretten, keinen Alkohol und sind dennoch nie älter als 35 Jahre geworden.